Ghiath Workshop

Ortstermin Hildesheim: Mit syrischen AktivistInnen Demokratie erfahrbar machen

5.9.17. Technische Universität Hildesheim, ein Deutschaufbaukurs für das Level C1 hat sich zu einem Workshop eingefunden. Die jungen Leute kommen aus Syrien, Eritrea, dem Irak und Afghanistan. Sie wollen so schnell wie möglich in Deutschland studieren, dann arbeiten. Einer sagt es so: „Wenn Du arbeitest wie die Deutschen und dich so verhältst wie die Deutschen, dann hast Du keine Probleme.“

In dem Workshop des Projekts „Vom Flüchtling zum Bürger und zu Bürgerin“ soll es allerdings darum gehen, dass Leben in Deutschland mehr ist als Arbeit und Mülltrennen. Der Theaterpädagoge Ghiath Mithawi aus Damaskus und die Nahost-Publizistin Hannah Wettig wollen den Teilnehmenden vermitteln, was es heißt ein mündiger Bürger zu sein: sich einmischen, Rechte einfordern, Verantwortung übernehmen für sich selbst und für Mitmenschen.

Zuerst werden gemeinsam Regeln aufgestellt. Pünktlich aus der Pause zurückkommen, Handy ausstellen, wird genannt Wichtig ist den Teilnehmenden auch, dass nur Deutsch gesprochen wird. „Was muss derjenige machen, der gegen eine Regel verstößt“, fragt Ghiath. Die von allen beschlossenen Sanktionen sind ein wichtiger Bestandteil des Konzepts: Werdern nur Regeln aufstellt, bleibt es meist bei Appell und Lamento. Wer realistische Sanktionen beschließt für Regeln, die er im Zweifel auch selber bricht, übernimmt Verantwortung.

Die ersten Vorschläge sorgen für Gelächter: Dabke tanzen, ein Lied singen. Schließlich einigen sich alle darauf, dass Regelbrecher vier Runden durch den Raum joggen müssen. Während des 6-stündigen Workshops trifft es jeweils zweimal die Trainer, einmal einen Teilnehmer, weil sie Arabisch gesprochen haben.

Nach einem Kennenlernspiel, erläutert die Trainerin Hannah anhand einer Slide-Show, wie Demokratie in Deutschland funktioniert: Was macht der Bund, das Land und die Kommune? Dazu gibt es Beispiele aus dem Alltag der Flüchtlinge: Der Bund bestimmt das Asylverfahren, das Land kann einen Abschiebestopp beschließen, die Kommune entscheidet über Unterkunft und Deutschkurse. Entscheidend ist für das alles das Prinzip der Subsidiarität: „Die obere Ebene greift nur dort ein, wo die jeweils untere Ebene Probleme nicht alleine lösen kann.“ Darum hat auch die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle: Der Staat unterstützt Vereine, weil selbstorganisierte Bürgerinnen und Bürger oft Probleme besser lösen können als der Staat.

Es folgt ein kurzer Exkurs in die Geschichte: Wie ist die kommunale Selbstverwaltung entstanden. Kleinstaaterei, Sonderrolle, Gleichschaltung im Nationalsozialismus und DDR-System werden erklärt. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen diskutieren: Das Blockparteiensystem der DDR ähnelt dem System in Syrien, wie sieht es in Eritrea aus?

„Wo ist der Euro?“ heißt das nächste Spiel. Dabei wird viel gelacht. Die Gruppe soll Spaß haben miteinander, denn schließlich sollen sie am Ende gemeinsame Aktivitäten entwickeln: Selber Zivilgesellschaft werden. Aber „Wo ist der Euro“ bezieht sich auch auf den Vortrag: Föderalismus bedeutet auch manchmal Zuständigkeitschaos – und man weiß manchmal nicht, wer einem jetzt die Euros gibt.

Es folgt ein Rollenspiel: Was war der schönste Moment für Dich in Deutschland? Was war der schlimmste? Die Teilnehmer sollen die Momente nachstellen. Dann überlegt die Gruppe, wie man in den schlimmen Momenten helfen könnte.

Nach einem weiteren Vortrag über Bürgerinitiativen und Migrantenorganisationen bilden die TeilnehmerInnen Arbeitsgruppen. Sie sollen überlegen, was sie in ihrem Leben in Deutschland stört, ärgert und was sie verbessern möchten.

Hauptproblem: Wie Deutsche kennenlernen?

Zwei Themen nennen die meisten: Die Fahrtpreise des öffentlichen Nahverkehrs und die Kontakte bzw. Nicht-Kontakte zu Deutschen. Nun lautet die Frage an die ganze Gruppe: Wie könnt Ihr etwas verändern?

Zuerst geht es um die Deutschen. Jemand schlägt vor, sie zum Essen einzuladen oder zu einem Musikabend. „Meint Ihr, dass man sich da wirklich kennenlernt?“ fragt Ghiath. „Meist ist es doch so, dass man da was isst, Musik hört und wieder geht. Oder habt Ihr andere Erfahrungen?“ Einige stimmen ihm zu. Eine junge Frau aus Afghanistan berichtet von dem Kennenlern-Café in der Uni. „Am Anfang waren da noch viele. Aber dann sind viele Deutsche weggeblieben. Ich verstehe sie. Es war langweilig. Man weiß nicht, was man reden soll. Ich gehe da auch nicht mehr hin.“

Sie schlägt vor, den Deutschen etwas über die Kultur der Flüchtlinge zu erzählen. „Damit sie uns besser verstehen.“ „Was ist denn Eure Kultur?“ fragt Ghiath. „Du hast vorhin erzählt, dass Deine Mutter Kopftuch trägt. Du trägst keins. Was davon ist Deine Kultur?“

Es wird darüber diskutiert, was die Deutschen interessant finden könnten und was die Flüchtlinge ihnen mitteilen möchten. Schließlich fragt Hannah, wie man das ganze denn nun angehen könnte: „Was braucht Ihr?“ Wie ladet Ihr die deutschen Studenten ein?“ Jemand schlägt vor Zettel zu schreiben und aufzuhängen. „Wohin ladet Ihr ein?“ Allgemeines Achselzucken. Vielleicht draußen auf der Wiese oder eine Art Sit-in auf der Straße – so wie Firas Alshater es gemacht hat, schlägt jemand vor.

„Wer gibt mir die Kompetenz?“

„Könnt Ihr keinen Raum in der Uni bekommen?“ „Ja, können wir“, sagt ein junger Mann aus dem Irak. „Ich kenne jemanden, den ich fragen kann.“ Die Trainerin klärt noch ein paar Details: „Wisst Ihr, wo der ASTA sitzt? Gibt es dort einen Vertreter für Euch? Wisst Ihr nicht? Fragt mal nach!“

Ein Teilnehmer meldet sich: „Wieso kann ich einfach um einen Raum bitten? Was gibt mir die Kompetenz dazu?“ Es ist eine Frage, auf die Trainer gewartet haben. „Darum geht dieser Workshop: Ihr alle habt die Kompetenz, etwas zu unternehmen, Euch zu organisieren. Ihr seid mündige Bürger. Ihr habt das Recht Euch für Eure Interessen einzusetzen. Und meist werden sich die Leute sogar freuen, wenn Ihr was organisiert.“

Kurz herrscht Schweigen. Einige schauen ungläubig. Dann sagt jemand: „Das stimmt. Ich arbeite in einem Verein. Die Deutschen freuen sich, wenn man selber was macht, sogar wenn man kritisch ist.“

In der Abschlussrunde gibt es viel Zuspruch. Es hat Spaß gemacht, sie haben sich untereinander besser kennengelernt. Sie sagen, gelernt hätten sie vor allem etwas über Meinungsäußerungen. „Ich habe gelernt, dass jede Meinung gleich viel Wert ist“, sagt jemand. „Ich habe gelernt, dass die Meinungen der anderen auch gut sind“, sagt ein anderer. „Ich habe zum ersten Mal meine Meinung gesagt“, sagt eine Frau. Einer sagt: „Ich habe gelernt, dass in Deutschland die Menschen gleich sind.“

Nach dem Workshop fragt die deutsche Trainerin den syrischen Trainer: „Die Abschlussrunde hat mich überrascht. Das mit den Meinungen müssten sie doch schon vorher gewusst haben.“ Ghiath lächelt. „Nein. Das denkst Du, weil es für Dich selbstverständlich ist. Aber für sie ist es das nicht.“

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