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Warum wir Flüchtlinge schreiben und nicht Geflüchtete

13.10.17. Das Wort „Geflüchtete“ scheint sich inzwischen fast überall als Ersatz für „Flüchtlinge“ durchgesetzt zu haben. Dafür werden unterschiedliche Gründe angeführt, die allesamt einer Überprüfung nicht standhalten. Weit schlimmer ist, dass das Wort Geflüchteter, wenn man hier denn überhaupt umbenennen will, eine schlechte Wahl ist – sprachlich wie inhaltlich.

Unsere Gründe und Links zum Weiterlesen:

  1. Positiv gemeinte Umbenennungen verändern nichts, wenn das Bezeichnete selbst (von einigen Menschen) negativ gesehen wird. Sprachaktivismus schafft Euphemismen, die nach kurzer Zeit wieder durch neue Euphemismen ersetzt werden müssen, weil der neue Begriff in kürzester Zeit negativ wird, wenn sich sonst nichts ändert (Euphemismus-Tretmühle). Es handelt sich somit um Scheingefechte, die von der Bekämpfung tatsächlicher Diskriminierung ablenken.
  1. Anders verhält es sich, wenn das neue Wort inhaltlich etwas anderes bezeichnet. „Junge Frau“ ist etwas anderes als Fräulein, weil letzteres den Status des Nicht-Verheiratet-Seins mit meinte. Entwicklungszusammenarbeit will etwas anderes als Entwicklungshilfe – zumindest ist das der Anspruch. Beim „Geflüchteten“ ist das nicht so, zumindest nicht gewollt. Tatsächlich ergibt sich eine Bedeutungsverschiebung, die aber alles andere als positiv ist.
  1. Das Wort Flüchtling ist für sich nicht negativ. Es gab DDR-Flüchtlinge und Flüchtlinge im und nach dem 2. Weltkrieg. Somit hat der Begriff Flüchtling auch etwas Verbindendes für viele.
  1. Auch die Endung –ing ist nicht negativ, nicht verkleinernd und auch nicht passiv. Es gibt zwar den Wüstling, aber auch den Lehrling, den Jüngling und den Liebling. BefürworterInnen des Wortes Geflüchteter meinen nun, die neutralen oder positiven Bezeichnungen mit Endung –ing hätten eine passivische Bedeutung und würden ein Abhängigkeitsverhältnis beschreiben. Weder bei Jüngling noch bei Liebling ist das nachvollziehbar. Einleuchtender scheint das Gegenargument, dass die Endung –ing vielmehr einen vorübergehenden Zustand beschreibt. Dies stimmt nicht für alle Begriffe mit –ing, aber es ist der gemeinsame Nenner für die allermeisten positiven wie negativen Begriffe. Man bleibt nicht ewig Lehrling, Jüngling, Prüfling und leider auch nicht Liebling, genauso wenig wie Häftling oder Fremdling.
  1. Folgt man dieser Argumentation, dann findet mit dem Wort Geflüchteter eine problematische Bedeutungsverschiebung statt. Während der Flüchtling irgendwann ankommt, bleibt man ein Leben lang Geflüchteter wie ein Gebrandmarkter. Positiv gesehen beinhaltet „Geflüchteter“, dass die Flucht selbst abgeschlossen ist. Aber das mag nicht stimmen. Wer noch nicht angekommen ist, will vielleicht noch weiter fliehen.
  1. Hannah Arendt, die einige BefürworterInnen des Wortes „Geflüchteter“ ins Feld führen, wollte deshalb nicht Flüchtling genannt werden, weil sie nicht über ihre Flucht definiert werden wollte. Sie schlug stattdessen „Neuankömmling“ vor, also auch was mit –ing. „Geflüchtete“ hätte sie für sich genauso abgelehnt.
  1. Flüchtling ist in Gesetzestexten definiert. Wer Flüchtling ist, genießt besonderen Schutz. Die Bezeichnung Geflüchteter will auch die bezeichnen, die diesen Status nicht bekommen. Das ist eine Aufweichung, die hinnimmt, dass einige nicht als Flüchtling anerkannt werden, obwohl ihnen dieser Schutz zustehen sollte, statt zu fordern, dass sie ihn bekommen. Nach der juristischen Definition ist nicht Flüchtling, wer Kriegsverbrechen oder schwere Gewaltverbrechen begangen hat. Kriegsverbrecher sind aber auch Geflüchtete. Wollen politisch Verfolgte in dieselbe Kategorie?
  1. Geflüchteter leitet sich vom Verb flüchten ab (Substantivierung des Partizips). Die Bezeichneten sind aber gar nicht geflüchtet, sondern geflohen. Man flüchtet von einer langweiligen Party, vor einer Diktatur flieht man. Insofern ist das Wort Geflüchtete eine Bagatellisierung, es müsste wenn überhaupt „Geflohene“ heißen. Wörter mit der Endung –ing leiten sich mal von einem Verb, mal von einem Substantiv, mal von einem Adjektiv ab, bei Flüchtling wäre das korrekt „die Flucht“.

Übrigens verwenden wir im Gespräch und in Vorträgen durchaus auch mal das Wort Geflüchtete. Denn wir wollen weder stillschweigend falsch eingeschätzt werden, noch langwierige Diskussionen über Sprache führen, sondern über die eigentlichen Probleme sprechen.

Weiterführende Texte:

Andrea Kothen: Sagt man jetzt Flüchtlinge oder Geflüchtete?, Pro Asyl, 2016

Rainer Werner, Flüchtlinge oder Geflüchtete, starke-meinungen.de, 2016

Paulette Gensler: Fliehen ohne Ende, Jungle World, 23.12.2015

Anatol Stefanowitsch: Flüchtlinge und Geflüchtete, Bremer Sprachlog, 2012

Titelbild von: Rasande Tyskar, Demonstration in Hamburg 2015

 

 

 

 

 

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