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Workshop „Partizipation von geflüchteten Menschen: Die Angst vor dem Mitmachen überwinden“

25.11.17. Am 7. November präsentierte Hannah Wettig bei einer Veranstaltung des Mobilen Beratungsteam der Stiftung SPI in Berlin das Projekt „Vom Flüchtling zum Bürger“ und diskutierte im Anschluss mit ehrenamtlichen und hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Flüchtlingshilfe über Partizipation von Geflüchteten diskutieren.

Das Mobile Beratungsteam beschäftigt sich seit längerem mit der Frage wie ein gutes Zusammenleben in Vielfalt gelingen kann. Zielgruppe sind Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Schule, Sozialarbeit, Polizei, Bezirksämtern und Vereinen, die bei der Gestaltung von Vielfalt und beim Umgang mit Diskriminierungen beraten und begleitet werden.

Um deren Bedürfnisse zu ermitteln, wurde in zahlreichen Flüchtlingseinrichtungen hospitiert, Gespräche mit Leitungen, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, Geflüchteten und weiteren Akteuren der Flüchtlingsarbeit geführt.

Dabei war festzustellen, dass viele Schutzsuchende einen hohen Orientierungsbedarf haben. Die meisten befürworten die Demokratie und die damit einhergehenden verfassungsrechtlichen Normen und gesellschaftlichen Werte. Es ist aber auch eine Überforderung und Irritation festzustellen. Vieles in der deutschen Gesellschaft kann am Anfang widersprüchlich wirken und zu Verunsicherungen führen.

Hinzu kommen die teilweise schwierigen Lebensbedingungen in den Unterkünften und der Mangel an ausreichenden Kontakten außerhalb der Unterkunft. All das erschwert, einen wirklichen Bezug zur Aufnahmegesellschaft und den Regeln des Alltags zu bekommen.

Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage: Wie können Neuzugewanderte mit den Werten und Normen der Aufnahmegesellschaft vertraut gemacht werden? Den Lebensbedingungen in den Einrichtungen, aber besonders den dort haupt- und ehrenamtlich arbeitenden Menschen kommt hierfür eine wichtige Rolle zu. Denn für die Neuzugewanderten repräsentieren sie ein Stück Deutschland.

Ankommen1 KopieIn ihrem Impulsvortrag erläuterte Hannah Wettig ihre Zielsetzung: Während des Arabischen Frühlings wurde sie immer wieder mit der Behauptung konfrontiert, „die Araber“ seien nicht demokratiefähig. Sie schloss die Fragen an, warum das nicht stimme, was Gründe für ein unterschiedliches Verhalten von Menschen aus verschiedenen Regionen sein könnten und was das mit Kultur und Müll zu tun haben könnte.

Anhand von Fotos aus Kabul zeigte Wettig auf, wie sich im Laufe einiger Jahrzehnte das verändere, was von außen als „Kultur“ bezeichnet werde, aber eigentlich von der Politik des jeweiligen Landes bestimmt sei. Bilder aus den 1970er Jahren zeigten junge Frauen in Miniröcken. Weitere Fotos stellten Frauen in Burka sowie Taliban dar, aber auch Frauen mit lockerer Kopfbedeckung auf einer Demonstration gegen häusliche Gewalt. Die Burka, so Wettig, werde zwar von den Taliban als afghanische Kultur bezeichnet. Tatsächlich werde sie traditionell von Paschtuninnen in den Bergen getragen, in den Straßen von Kabul sei sie nicht Ausdruck von Kultur, sondern von Politik.

Ankommen2 KopieUm zu erklären, warum sie dennoch heute so verbreitet ist, zeichnete Wettig die politische Entwicklung Afghanistans nach. 1979 sei ein folgenreiches Jahr gewesen: Der iranische Schah wurde gestürzt, die Revolution anschließend von Islamisten unter Khomeini vereinnahmt. Die Sowjets marschierten ein, die USA unterstützen anti-sowjetische Milizen, die Mudjaheddin, um das Land „in die westliche Welt“ zurück zu holen. Dadurch sei der Aufstieg der Islamisten gefördert und vieles von dem ins Leben gerufen worden, was heute als afghanische „Kultur“ gesehen werde. Nicht nur in Afghanistan gelte, dass Kultur nie statisch sei.

Kultur habe immer politische und soziale Gründe. Vieles, was als Tradition gelte, sei erst im 19. Jahrhundert als städtische Mode geschaffen worden. Als europäische Analogie zu den Veränderungen der letzten Jahre im arabischen Raum nannte sie das Jahr 1968.

Was hat Müll mit Politik zu tun?

Ankommen5Als Beispiel für die Auswirkungen von unterschiedlichen politischen Systemen nannte Wettig den Umgang von Menschen aus Ägypten, dem Libanon, Libyen oder Syrien mit Müll. Sie erzählte dazu von ihren Erfahrungen in Workshops zum Thema interkulturelle Kompetenz: Deutsche klagten über Müll vor den Wohnheimen. In den Wohnungen von Geflüchteten sei es aber akribisch sauber. Auch auf sehr ärmliche Flüchtlingsunterkünfte in Syrien oder auf Beiruter Slums treffe das zu. Selbst in Villenvierteln, berichtete sie, würfen die Bewohner ihren Müll auf die Straße, während hinter den Mauern in den Gärten alles sauber und herausgeputzt sei. Die Erklärung dafür sieht Wettig in der wahrgenommenen Trennung von „außen“ als Bereich der Regierung und „innen“ als Privatbereich. Der Bereich der Regierung werde als feindlich bzw. willkürlich und korrupt wahrgenommen.

Zur Rolle und Wahrnehmung der Regierung und des öffentlichen Raums in Syrien zeigte Wettig ein Foto von einem Plakat am Straßenrand: Es zeigt Assad neben Putin und dem Chef der Hisbollah in der Pose eines Mafiabosses. Wettig sprach von „Republiken der Furcht“ und bat um die Assoziationen der Zuhörer/innen. Ganove, James Bond, Geheimdienst, Mafia wurden genannt. Mit dem Verweis auf ein weiteres Schild, „Welcome to Syria Al-Assad“ (Willkommen in Assads Syrien“) und auf die Wendung „Gaddafis Libyen“ zeigte sie auf, dass das Land jeweils als Besitz des Führers wahrgenommen werde.

Genau das sei die zentrale Veränderung während des Arabischen Frühlings 2011 gewesen: Die Menschen hätten das Land in Besitz genommen. Als erstes seien sie auf die Straßen gegangen, hätten aufgeräumt und Straßen geputzt. In der ersten Revolutionsphase seien die Putztrupps als wichtige Komitees ausländischen Journalist/innen präsentiert worden.

Im Anschluss kam Hannah Wettig auf den Libanon zu sprechen, der keine Diktatur, sondern ein Failed State sei. Auch hier zeigte sie ein Foto von Müllmassen und von der Bewegung „Madinati“ („meine Stadt“), die aus der sogenannten Müllrevolution gegen den Zusammenbruch der Abfallwirtschaft 2015 entstanden ist. Die Bewegung habe öffentliche Treffen organisiert, bei denen alle Interessierten ihre Ideen gegen verkrustete Strukturen einbringen konnten. Das Problem im Libanon sei jedoch, dass das komplizierte Wahlsystem zur Bevorteilung bestimmter Gruppen führe. Es unterstütze die Macht der Clanchefs. Trotz großer Beteiligung und politischem Interesse der Bürger/innen sei deshalb kaum echte demokratische Teilhabe gegeben.

Herausforderungen für die Partizipation

Wettig zufolge gibt es in Diktaturen große Hürden, eigene Ideen umzusetzen. In erster Linie seien die Hindernisse Angst, Zwecklosigkeit, Unüberschaubare Konsequenzen, Rückzug auf die Familie/Freundeskreis, Mangel an Solidarität, fehlendes Know-How und die Frage „Wer bin ich?“

Diese Punkte erläuterte sie anhand von konkreten Beispielen.

Menschen in libysche Basiskomitees hätten die Erfahrung gemacht, dass Verbesserungsvorschläge als Kritik an der Regierung interpretiert würden und sanktioniert werden könnten („Willst du damit sagen, dass Gaddafi sich nicht um die Straßenreinigung kümmert?“). Dadurch lerne man, den Mund zu halten.

Ankommen3 KopieDer Impuls, sich gegenseitig beizustehen, werde unterdrückt. Solidarisches Handeln müsse daher erst gelernt werden bzw. der Impuls Wegzuschauen, der keine Gleichgültigkeit ist, sondern Überlebensstrategie, überwunden werden. Ein Ziel des Projektes „Vom Flüchtling zum Bürger“ sei es daher, die Solidarität unter Geflüchteten zu stärken.

In drei Kleingruppen wurden im Anschluss zwei Fragen bearbeitet:

  • Wie gelingt Partizipation von Geflüchteten in ihrem Arbeitsfeld?
  • Was funktioniert gut / nicht so gut?

Den vollständigen Bericht lesen Sie auf der Website der Stiftung SPI.

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