Workshop „Wir sind viele“: Die eigene Identität entsteht oft durch Abgrenzung der Anderen

Am 27. und 28. August 2019 haben wir einen Workshop zu Mehrfachidentitäten im Rahmen des Programms des Bundesverbands Netzwerke von Migrantenorganisationen (Nemo e.V) in Dortmund durchgeführt. Das Nemo-Konzept „Wir sind viele – Einwanderungsgesellschaft für heute und morgen neu denken“ passt zu unserem eigenen Ansatz. Insbesondere das Ziel, dass Menschen „ermutigt und befähigt werden (sollen), ihre eigenen Ressourcen sowie ihre Fähigkeiten für mehr Beteiligung und zur Gestaltung ihrer sozialen Lebenswelt zu nutzen“ entspricht dem Konzept von „Vom Flüchtling zum Bürger und zur Bürgerin“.

In dem zweitägigen Workshop haben wir mit Menschen aus Syrien, Syrisch- und Türkisch-Kurdistan, Kamerun und Deutschland (teils mit Eltern aus der Türkei) zunächst beleuchtet, welche Bedeutung nationale/ethnische/religiöse Identitäten für uns haben und uns dann kritisch damit auseinandergesetzt, um dann am zweiten Tag die jeweils eigenen Mehrfachidentitäten zu entwickeln und dadurch einfache identitäre Zuschreibungen aufzulösen. Nebenbei haben wir interessante Einsichten darüber gewonnen, was wir über „die Anderen“ überhaupt wissen.

Um die Bedeutung von Identität bzw. Gruppenzugehörigkeit für unseren Alltag zu ermessen, sollten alle Teilnehmer/innen aufschreiben, wie viele ihrer fünf besten Freunde eine andere Nationalität haben, ein anderes Geschlechts, eine andere soziale Klasse, eine andere Konfession, eine anderer Religion, eine andere politische Meinung, einen anderen Musikgeschmack oder aus einer anderen Region ihres Landes kommen.

Das kam dabei heraus:

Insbesondere bei der Nationalität war der engste Freundeskreis stark auf die eigene beschränkt. Auch bei der sozialen Klasse und bei der Religion hatten die meisten Teilnehmer nur Freunde ihrer eigenen. Deutlich anders sah das beim Geschlecht und beim Musikgeschmack aus.

In der Diskussion wurde deutlich, dass viele ihre fünf besten Freunde schon aus Kindertagen oder Studienzeiten kennen und daher oft Nationalität, Religion und soziale Klasse der Freunde dem Umfeld, in dem man aufgewachsen ist, entsprechen und nicht eigene bewusste oder unbewusste Wahl sind. Allerdings prägt der eigene Freundeskreis die Wahrnehmung und verstärkt das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit.

Nach der Lektüre eines Passage aus „Mörderische Identitäten“ von Amin Maalouf haben wir diskutiert, welche mörderischen Ideologien wir kennen, die auf klaren Identitätszuschreibungen fußen.

In einem zweiten Schritt haben wir analog zu Maloufs Beschreibung des Manns aus Sarajevo, der seine Identitäten im Laufe seines Lebens ständig neu definiert, unsere eigenen Selbst-Zuschreibungen unter die Lupe genommen.

Dabei kamen unter anderem solche Beispiele heraus:

Die Frage war: Welche Identität hatte ich als Kind, wie habe ich mich selbst definiert. Wie war das in der Grundschule, wie in der Sekundarschule, im Studium, nach der Migration? Herausgekommen ist, dass wir als Kinder uns erst einmal nur als Kinder wahrnehmen, vielleicht als Mädchen oder Junge. Erst später lernen wir den größeren Zusammenhang. Wichtig erscheint dabei vor allem, was wir nicht sind bzw. der Ausschluss aus dem größeren Kontext.

So erzählte eine Teilnehmerin, dass sie sich in ihrem Geburtsort als Alevitin gesehen habe, die anderen waren Sunniten. Erst als sie in die Stadt zum Studium ging, gewann ihre Identität als Kurdin an Bedeutung in Abgrenzung zu den türkischen Studenten. Als Deutsche fühlte sie sich auch nach vielen Jahren nicht in Deutschland, sondern wenn sie in die Türkei reiste, während sie sich nun in Deutschland als Türkin definierte. Sie löste das Dilemma, in dem sie sich nun als Europäerin definiert, aber vor allem über ihre politischen Überzeugungen und ihren Beruf.

In einem weiteren Block gingen wir daran, Stereotype über Gruppen aufzulösen und Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu finden.

Dazu gab es einen Impulsvortrag über die gemeinsame Geschichte von Deutschland, der Türkei und Syrien und ein kurzes Theaterstück. Danach sammelten wir die Gemeinsamkeiten von Zuschreibungen oder Beobachtungen über „die Deutschen“ und der jeweils eigenen Nationalität. Darunter waren die Liebe zum Fußball, Gewissenhaftigkeit, Kinderfreundlichkeit und Unabhängigkeit.

Eine interessante Gemeinsamkeit fanden wir zwischen Syrern und Deutschen: Zu Geburtstagen und anderen Events gibt es Geschenke. Das ist in der arabischen Welt durchaus etwas ungewöhnliches und die syrischen Teilnehmer betonten, wie angenehm sie diese Gemeinsamkeit finden.

In zwei getrennten Gruppen erzählten die Teilnehmer/innen sich dann, was sie in der Schule über die jeweils andere Nationalität gelernt hatten. Da leider zu wenig Deutsche gekommen waren, bildeten wir eine Gruppe aus Syrer/innen, die über ihre Schulkenntnisse über Deutschland sprachen und eine Restgruppe Deutsche, Deutsch-Türken und ein Kameruner.  

Die Ergebnisse waren für uns alle spannend. Während in der Türkei vor allem die Berührungspunkte in der Geschichte wie die deutsch-osmanischen Beziehungen und die Reform des osmanischen Heeres behandelt werden, wird Deutschland in syrischen Schulen vor allem als Land der Dichter und Denker vermittelt. In der Türkei kennt man aber auch sozialistische deutsche Vordenker wie Marx und Luxemburg, wobei einige der Teilnehmer/innen betonten, dass sie nicht wüssten, ob ihr Wissen aus der Schule oder aus dem Elternhaus stammte.

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